„Da hat Herr Scheffel etwas dazu gedichtet“

Joseph Victor von Scheffel als bildender Künstler

Presse

Das Frankenlied mal aufmotzen


(Bayerische Rundschau / Fränkischer Tag Samstag 7.6.2014)




Wettbewerb:
Der vor 188 Jahren geborene Literat und bildende Künstler Joseph Victor von Scheffel war eine Art Popstar zu seiner Zeit. Natalie Gutgesell und Jürgen Bergmann wünschen sich Interpretationen der inoffiziellen Franken-Hymne.

von unserem Mitarbeiter Stephan Stöckel

Bad Staffelstein — Das altehrwürdige "Frankenlied" ist als schmissiger Marsch oder fidele Wanderweise wohlbekannt. Wie wäre es, der inoffiziellen Landeshymne der Franken ein neues Kleid zu geben? Sie im Heavy-Metal-Gewand aufzumotzen, wie man neudeutsch sagen würde? Sie rockig, poppig, jazzig oder im fränkischen Liedermachergewand zu interpretieren? Geschmettert von einem feurigen Gospelchor?
"Spannend", dachten sich Natalie Gutgesell und Jürgen Bergmann. Erstere ist Kuratorin der Ausstellung "Da hat Herr Scheffel etwas dazu gedichtet. Joseph Victor von Scheffel als bildender Künstler", die am Freitag, 11. Juni, um 19 Uhr im Museum von Kloster Banz ihre Pforten öffnet. Letzterer ist Vorsitzender des Burgkunstadter Kleinkunstvereins "Tecnet Obermain", der in Burkersdorf ein Tonstudio unterhält und dort Rock- und Popkonzerte organisiert.

Versierte Scheffel-Expertin
Die aus Bad Staffelstein stammende Natalie Gutgesell ist nicht nur eine, sondern ganz sicher die Scheffel-Expertin schlechthin. Seit 2010 hat sie im Rahmen ihrer Doktorarbeit ganze Archive nach dem 1826 in Karlsruhe geborenen Literaten und bildenden Künstler durchforstet, die am 11. Juli in Buchform erscheinen wird und den Titel der Ausstellung trägt.
Was hat ein Künstler aus der Zeit des Biedermeier der heutigen Generation noch zu sagen? "Viel, weil er aktueller denn je ist, wenn man seinen Roman ‚Der Trompeter von Säckigen‘ oder seine Briefe liest", meint Gutgesell und überrascht mit der Feststellung: "Ich sehe sogar Parallelen zu Popsänger Bruno Mars." Der amerikanische Musiker singe Songs voller Sehnsucht und Trennungsschmerz. Auch Scheffel lasse den Protagonisten seines Bestsellers "Der Trompeter von Säckigen", Werner Kirchhofer, Lieder mit diesen Themen schmettern.
Für die 41-Jährige steht zudem fest: "Scheffel, der bei einem mehrwöchigen Aufenthalt auf Kloster Banz im Jahre 1859 das Wanderlied, das später als Frankenlied bekannt werden sollte, geschrieben hat, war ein Popstar, also ein populärer Star des 19. Jahrhunderts." Das sagt sie im Brustton der Überzeugung und hat dafür schlagende Argumente parat, auf die sie bei ihren Forschungen über den Künstler gestoßen ist. Sie erzählt von Frauen, die zu seiner Villa nach Radolfzell gepilgert seien und eine Hysterie veranstaltet hätten, wie dereinst die Beatles, von Fanbriefen, Autogrammen und Künstlerfotos. "Er betrieb eine Selbstvermarktung und baute Mythen um seine Person herum auf."

Zeit des technischen Wandels
Eisenbahn, Telegraf oder Fotoapparat - die Zeit Scheffels war eine Epoche des technischen Wandels. Hier sieht Gutgesell weitere Parallelen zu unserer Zeit. "Damals wie heute wird der technische Wandel mitunter in einem kritischen Licht gesehen, obwohl ihn jeder nutzt oder genutzt hat." Scheffel habe Landschaften immer ohne Fabrikschlöte oder Telegrafenmasten gezeichnet oder gemalt. Obwohl er gegenüber neuen Techniken kritisch eingestellt gewesen sei, habe er in den 1860er Jahren die Fotografie für sich entdeckt. Dieser Zwiespalt, der sein Ebenbild in aktuellen Diskussionen findet, ist es, den Gutgesell an Scheffel so interessiert.
In den kommenden Wochen sind die heimischen Künstler an der Reihe, sich ihre Gedanken über Scheffel und sein Frankenlied zu machen, zu dem Valentin Eduard Becker 1861 die Melodie geschrieben hatte.
Eine Jury, bestehend aus Gutgesell, Bergmann und Christian Witte, Musiklehrer am Gymnasium Burgkunstadt, wird die Spreu vom Weizen trennen. "Die Interpretationen werden nach Kreativität und Originalität beurteilt. Dem Ideenreichtum sind dabei keine Grenzen gesetzt: Alle Stile der Unterhaltungsmusik und der ernsten Musik sind erlaubt. Allerdings müssen drei Strophen im Originaltext erhalten sein und die Melodie noch erkennbar sein." Die Gewinner werden mit einer Studioaufnahme belohnt.
Was wollen die beiden mit dem Wettbewerb erreichen? "Wir wollen diesen vielseitigen Künstler und das Frankenlied heutigen Generationen näherbringen", sind sich Gutgesell und Bergmann einig, der noch einen Grund anführt: "Der Wettbewerb soll dazu beitragen, heimische Künstler, die sich durch den Wettbewerb kennenlernen, miteinander zu vernetzen."




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